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Mach doch mal Pause

Hand aufs Herz (oder auf den Bauch), wie halten Sie es mit der Mittagspause, liebe Leserinnen und Leser? Schnell ein Brötchen zwischendurch, oder weg vom Schreibtisch, irgendwo nett essen gehen?

In Zeiten, wo alles immer furchtbar schnell gehen muss, muss für viele auch die Pause schnell gehen. Oder das Pause machen fällt gleich ganz unter den Tisch. „Ich kann ja vielleicht früher gehen.“ (Pustekuchen, das funktioniert nicht. Zumindest bei den meisten Leuten.)

Wenn man sich als HR-ler das Thema Gesundheit mit auf die Fahnen geschrieben hat, gehören Pausen mit dazu. Allerdings scheint es auch bei denen, die es wissen müssten, nicht immer zu klappen. So stellte sich vor zwei Jahren in einer Umfrage im angelsächsischen Raum heraus, dass gut die Hälfte der HR-ler selbst gar keine Mittagspause machen. Auf Englisch hier nachzulesen.

Vor Jahren hatte ich in London eine französische Chefin, die sich furchtbar darüber aufregte, dass unser Arbeitgeber davon ausging, man könne mit einer halben Stunde Mittagspause auskommen. Sie erzählte dann gerne von zuhause, von mindestens zweistündigen Pausen, mit gutem Essen und dem ein oder anderen Gläschen Wein. Dass das nicht nur eine persönliche Anekdote ist, zeigt dieser (recht lange) Blogbeitrag der Wissenschaftsjournalistin Johanna Bayer, die sich des Themas Mittagspause pointiert und kenntnisreich annimmt.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine angenehme Pause, die Sie hoffentlich nicht am Arbeitsplatz verbringen, und ein schönes Wochenende!

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Leseempfehlung: „future-hr-blog“

Heute möchte ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, frischen Lesestoff meines geschätzten HR-Kollegen Dirk Ollmann ans Herz legen.

Er schreibt in seinem ersten Blogbeitrag auf Englisch darüber, was künftige Herausforderungen in der Personalarbeit sein könnten, was Industrie 4.0 für HR bedeutet, und lädt ein, den Faktor Mensch in den Fokus zu rücken.

Ich hoffe natürlich, dass wir bald mehr von ihm lesen werden und wünsche allen jetzt schon ein schönes Wochenende!

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Einfach mal raus

Der Frühling ist da, und an vielen Orten lädt das Wetter dazu ein, das Haus zu verlassen und nach draußen zu gehen. Wenn Sie nicht gerade Pollenallergiker*in sind, ist das auch eine tolle Sache mit diesem „Draußen“.

Nun ist das hier bekanntlich kein Naturliebhaberinnenblog, auch wenn ich letzte Woche über Hirsche schrieb, und es geht mir, betriebliches Gesundheitsmanagement und Fitnessprogramme hin oder her auch gar nicht darum, Sie dazu zu bringen, dass Sie sich mehr bewegen. Ich kenne Sie ja nicht, vielleicht trainieren Sie eh schon für den nächsten Marathon und haben für meine Frühlingsspaziergänge nur ein müdes Lächeln übrig.

Wir Menschen sind schnell dabei, andere in Schubladen zu stecken. Gerade in Medien wie Twitter fällt mir das immer wieder auf, wie „einfach“ das doch zu sein scheint. Da steckt jeder in seiner Filterbubble, man folgt Menschen, die ähnlich schreiben (und denken?) wie man selbst, wer einem nicht in den Kram passt, ist fix entfolgt, und durch Retweets und Herzchen („Likes“) finden sich irgendwie immer wieder diejenigen zusammen, die einander zustimmen. Das ist gut und wichtig und hat seine Berechtigung. Gleichzeitig hören viele von uns, wir müssten kreativer sein, ach was, innovativer, wir müssen jetzt digital werden oder es am besten schon sein, wir müssen… Ja, was eigentlich? Und wie stelle ich das an, dass die Ideen sprudeln und ich als modern und agil wahrgenommen werde?

Es ist eine spannende Zeit. Wir können mit einem Mausklick oder Fingertipp Informationen aus jeder Ecke der Welt bekommen, uns inspirieren lassen, Neues entdecken. Aber tun wir das wirklich? Oder verstärken wir nur das, was wir kennen, was in unserer eigenen Bubble gerade passiert und „in“ ist?

Ich möchte Sie einladen, immer mal rauszugehen aus Ihrem Umfeld. Was bewegt andere? Was sind deren Themen? Ist tatsächlich alles schon „digital“? Oder kommt uns das nur so vor, wenn wir uns selbst für digitalaffin halten?

Es ist das Jahr 2017. Die meisten Menschen haben eine E-Mail-Adresse, viele haben ein Smartphone, es gibt an vielen Orten „schnelles“ Internet, da liegt es nahe, davon auszugehen, dass die Menschen „digital“ unterwegs sind. Eines meiner Hobbys ist der Betrieb eines Forums. Ja, das kann man auch im Jahr 2017 noch machen, das funktioniert. Das Forum besteht seit 2006 und die Nutzerzahlen steigen immer noch an. Das Thema ist ein eher „handfestes“, zum Finger schmutzig machen, es geht um LKW. Ich habe 2014 auf der Webcon in Aachen vom Forum erzählt und da für einige Lacher gesorgt. IT-affine Menschen amüsieren sich meist königlich über die Anfragen, die bei uns als Betreiber so auflaufen.

Wohlgemerkt, es ist das Jahr 2017. Das bedeutet aber nicht, dass alle Menschen auf dem gleichen Level sind, was den Umgang mit E-Mail, Internet und Co. angeht. So bekommen wir regelmäßig Anrufe von Nutzern, die bei der Registrierung an unserer Sicherheitsfrage (kein Captcha, das kein Schwein lesen kann, sondern eine simple Frage) scheitern und keine Vorstellung davon haben, was es heißt, einen Begriff „in Großbuchstaben“ einzugeben. Dann gibt es diejenigen, die sich per Mail benachrichtigen lassen, wenn ihnen jemand im Forum eine Nachricht geschrieben hat. In dieser Mail steht dann sinngemäß: „Du hast eine persönliche Nachricht von User X bekommen. Um die Nachricht zu lesen, klicke auf diesen Link.“ Was macht der Nutzer? Klickt in seinem Mailprogramm auf „antworten“ und schickt seine Nachricht an die Admins. Und so weiter. Geschichten dieser Art gibt es viele.
Nun sind das beileibe nicht alles Rentner über 65, und das sind auch nicht unbedingt dumme Menschen. Das sind einfach Menschen, die in ihrem Alltag ganz andere Themen haben. Die arbeiten nicht am Rechner, haben kein halbes Dutzend coole Apps auf dem Smartphone und denken beim Stichwort „agil“ eher an einen Sportler als an eine Arbeitsweise .
Mich erdet die Beschäftigung mit den Problemen meiner Nutzer immer wieder. Denn ich kann einfach nicht davon ausgehen, dass jeder auf dem gleichen Stand ist wie ich es bin.

Und so geht es mir auch mit dem ein oder anderen HR-Thema (apropos HR, nicht jeder weiß sofort, was damit gemeint ist. Auch das fällt einem in der eigenen Filterbubble nicht unbedingt auf. Wo ich wohne ist HR übrigens der Hessische Rundfunk und nicht das Personalmanagement): was bei meinem Arbeitgeber wichtig und aktuell ist, ist nicht überall wichtig und aktuell. Was im Konzern funktioniert oder funktionieren muss, lässt sich nicht eins zu eins auf ein kleines Unternehmen übertragen. Die einen sind über die Automatisierung von Prozessen schon hinaus und denken weiter, die anderen arbeiten noch mit Excel-Listen. Das eine ist nicht grundsätzlich besser als das andere. Es ist im jeweiligen Kontext zu betrachten. Nicht alle, die beim Thema Digitalisierung erst am Anfang stehen, sind Dinosaurier oder gar unflexibel oder doof. Nicht alle, die schon mittendrin stecken in der Digitalisierung, sind die großen Vorbilder. Wenn ich Menschen für digitale Themen begeistern will, mache ich das am besten nicht mit dem großen Hammer (auch Meinungsverstärker genannt) – ich hebe mir das grobe Werkzeug dann doch eher für meine Schrauberaktivitäten am Laster auf.

Eine gute Möglichkeit zum „rausgehen“ und „rausdenken“, ist, bei Twitter kuratierten Accounts zu folgen. Da schreibt wöchentlich jemand anderes, und so bekommt man nahezu automatisch Themen auf den Tisch bzw. aufs Display, an die man vorher noch nicht gedacht hat.

Was sind Ihre Tipps, aus Ihrer Filterbubble herauszukommen? Schreiben Sie mir gerne, hier als Kommentar, als E-Mail oder auch bei Twitter.

 

 

 

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Quereinsteiger in der Personalabteilung (1)

Eine Frage, die mir immer wieder gestellt wird, lautet:
Wie komme ich als Quereinsteiger in die Personalabteilung?

Eignet sich das Thema Personal (oder HR, oder People Management, oder wie auch immer man es nennen will), für Quereinsteiger besonders, oder wird es einfach nur als sehr attraktiv wahrgenommen?

Bevor ich mich an einer Antwort auf diese Frage versuche, zunächst einmal einige Überlegungen zum Begriff Quereinsteiger.

Wer oder was ist ein Quereinsteiger im Personalbereich? Der Duden sagt, Quereinsteiger sei Jargon für Seiteneinsteiger, und ein Seiteneinsteiger sei jemand,

der, aus einem anderen [politischen] Bereich kommend, schnell Karriere macht

 
Nun muss man, um schnell Karriere machen zu können, ja erst einmal in den gewünschten Bereich reingekommen sein, und so schließt sich der Kreis fast schon wieder.

Wenn ich in diesem und in den folgenden Blogbeiträgen von Quereinsteigern im Personalbereich spreche, meine ich damit Menschen, die weder BWL (oder ein verwandtes Fach) mit Bezug zum Personalmanagement, noch Jura (mit oder ohne Schwerpunkt Arbeitsrecht) noch Psychologie (Schwerpunkt Arbeits-/Organisationspsychologie) studiert haben oder eine entsprechende Berufsausbildung absolviert haben. Die/der ein oder andere mag nun einwenden, dass der Personalbereich doch sowieso sehr bunt sei, und dass es ja gar nicht so viele Möglichkeiten gebe, sich dafür ausbilden zu lassen, aber wenn man sich einmal anschaut, wie viele Hochschulen inzwischen Studiengänge im Personalmanagement anbieten (http://www.bpm.de/hr-studiengaenge) und dass man auch in der Ausbildung der Kaufleute für Büromanagement den Schwerpunkt Personalwirtschaft wählen kann oder entsprechende Weiterbildungen machen, dann ist das ein Argument, das immer weniger „zieht“.

Es steht allerdings nun nicht jede/r, die/der mir die Eingangsfrage stellt, am Anfang der Ausbildung und kann sich für einen entsprechenden Weg entscheiden. Wer noch keine Ausbildung gemacht hat oder noch nicht studiert und sich für den Personalbereich interessiert, der/dem kann ich nur dazu raten, sich diese speziellen Studiengänge zumindest anzuschauen. Die Konkurrenz schläft nicht. In der 2014 vom BPM durchgeführten Berufsfeldstudie wurden Personaler u.a. nach ihrer Ausbildung gefragt. 25% der Befragten gaben an, einen auf Personalmanagement spezialisierten Studiengang absolviert zu haben. 2010 waren es 15% der Befragten. Fast die Hälfte, nämlich 46% haben Wirtschaftswissenschaften studiert, 8% Psychologie. 14% Juristen stehen 15% Geisteswissenschaftler gegenüber und dann gibt es noch die „Sonstigen“ mit 9%, zu denen es leider keine genaueren Informationen gibt.

Richtig ist, dass der Personalbereich eher bunt ist. Richtig ist aber auch, dass die Professionalisierung immer weiter geht und zu erfolgreicher Personalarbeit nicht nur gehört, gerne mit Menschen zu arbeiten. Auch wenn das natürlich nicht schadet.

Ich werde in den nächsten Tagen und Wochen rund um das Thema Quereinstieg in die Personalabteilung bloggen und freue mich auf Fragen, Antworten, Rückmeldung, Kritik… wie immer gerne hier in den Kommentaren, bei Twitter, bei Xing, wo Sie mögen.

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Der Personalmanagementkongress 2016 – Teil 2 von 3

Aus den wenigen Tagen, die ins Land gehen sollten für meine Blogbeiträge zum diesjährigen Personalmanagementkongress, wurden nun doch ein paar Wochen, aber es ist immerhin noch 2016, also passt das schon irgendwie.

Ich musste schmunzeln, als ich in verschiedenen HR-Magazinen in der Kongressberichterstattung las, es sei doch sehr viel Wiederholung bei diesem Kongress gewesen, Themen, die auch bei anderen Veranstaltungen schon aufgegriffen worden waren, und so weiter. Wenn ich mir die Titelthemen dieser Magazine der letzten Monate dann so anschaue, könnte ich auch fragen, ob denn jedes Thema von jedem einzelnen Magazin als Monatsthema beleuchtet werden müsse, oder ob man da in der Gestaltung nicht auch etwas kreativer sein könne. Wie war das noch mit dem Glashaus und den Steinen?

Wie auch immer, ich habe ja schon geschrieben, dass mich das nicht gestört hat und dass ich insgesamt einen sehr guten Kongress hatte. Ich habe gut zehn Dutzend Tweets geschrieben und einiges an handschriftlichen Notizen gemacht. Ich bin bei aller Begeisterung für Online, Web, Apps und Tools immer noch eine Papiertante und habe gefühlt mehr Notizbücher als andere Leute überhaupt Bücher im Schrank haben. Auf die Belehrung durch Herrn Spitzer und seine Theorien zur digitalen Demenz hätte ich also verzichten können. Dass mir sein Vortrag nicht gefallen hat, lag sicher auch daran, dass ich ihm von vorneherein eher kritisch gegenüber stand. Dass er dann auch nicht in der Lage war, in seinem Zeitfenster zu bleiben, machte die Sache nicht besser.

Vielleicht bin ich da zu streng, aber wenn ich weiß, dass ich nur x Minuten Zeit habe für meine Rede/meinen Vortrag/mein Referat, dann sollte ich nicht mehr Gedanken mitbringen und anbringen wollen, als in diesem Rahmen Platz haben. Wenn ich Expertin für mein Thema bin, kann ich das auch zeigen, ohne mich als wandelnde Enzyklopädie darzustellen.

Hier nun ein paar kurze Impulse aus den zwei Tagen:

  • Machen statt nur reden. Wir in HR haben keinen Grund, auf „Dave Ulrich 14.0“ zu warten, wenn wir etwas verändern wollen.
  • Der Erfolg von HR lässt sich messen. Das Stichwort Kundenzufriedenheit hat auch in der Personalarbeit seinen Platz.
  • Smart Data statt Big Data. HR hat oft Nachholbedarf. Nur HR?
  • HR als „Hüter der Soft Skills“, oder doch mehr?
  • Employer Branding ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Kann man gar nicht oft genug sagen. Und wenn es doch mal schneller geht, prima.
  • Beim Aufbau einer Arbeitgebermarke geht es nicht ohne Multiplikatoren (im Unternehmen).
  • Häufig sagen Mitarbeiter, dass die Arbeitgebermarke nichts mit ihrer am Arbeitsplatz erlebten Realität zu tun hat. Deshalb unbedingt Mitarbeiter einbinden, von Anfang an.
  • Der Roboter als Kollege, ein „heißes“ Thema. Was ist technologisch möglich, und was wollen wir zulassen? Das Thema zu ignorieren wird wohl nicht helfen.
  • Mentoring, Coaching, Peer Groups als Lernangebot und Ergänzung zum „formellen“ Lernen. Vielleicht ein alter Hut, aber doch noch nicht flächendeckend im Angebot.
  • Lernzeit = Arbeitszeit?
  • HR kann als Katalysator für den digitalen Kulturwandel fungieren.
  • Buzzwords: nicht ignorieren, nicht unkritisch verwenden. Relevanz statt Bullshitbingo.
  • Verändert sich eine Personalabteilung, kann es zu höherer Fluktuation kommen -> andere Kompetenzen werden wichtig. Nicht jeder bringt diese mit oder will/kann sich umstellen. Ein Punkt, der immer mal übersehen wird.
  • HR als Gestalter und Ermutiger. Aber: sind „wir“ als Profession tatsächlich bereits an diesem Punkt? Parallelen aus der Erwachsenenbildung, von der Erzeugungs- zur Ermöglichungsdidaktik war es auch ein weiter Weg bzw. ist dieser Weg noch nicht zu Ende.
  • In Hochleistungsteams wird das Verhalten durch Prinzipien gesteuert, nicht durch Regeln. Beispiel: bei der Feuerwehr geht Menschenrettung vor Brandbekämpfung.
  • Hochleistungen können dann erzielt werden, wenn jeder Einzelne ein stark ausgeprägtes Verständnis für das Ganze hat. Silodenken führt nicht zum Ziel.
  • Wissen im Unternehmen zugänglich machen. Ist längst nicht überall gängige Praxis.

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Nachlese: Berufsbildung 4.0

Passend zur Vorschau (https://andreahartenfeller.wordpress.com/2016/03/10/vorschau-berufsbildung-4-0/) gibt es heute die Nachlese zur Veranstaltung am vergangenen Freitag.
Wer mir bei Twitter folgt, hat sicher schon festgestellt, dass ich im Laufe des Tages immer kritischer wurde. Aber der Reihe nach.

Der Saal war schon bei meinem Eintreffen eine Viertelstunde vor dem offiziellen Beginn gut gefüllt, und tatsächlich waren dann auch alle Stühle besetzt. Das Thema Ausbildung und Industrie 4.0 ist es wert, näher beleuchtet zu werden.
Das Verhältnis Männer zu Frauen im Publikum war etwa 70:30. Bei den Rednern allerdings gab es keine einzige Frau. Ob man keine gefunden hat, oder ob man von vorneherein nicht gesucht hat, darüber kann ich nur spekulieren, das wäre Kaffeesatzleserei. Aber schade fand ich es doch, dass auch diese Veranstaltung sich einreiht in eine lange Liste von Veranstaltungen, bei denen von einer Balance diesbezüglich nichts zu sehen ist. Wer glaubt, das sei eine Ausnahme, kann mal hier schauen: https://50prozent.speakerinnen.org/

Alle Vorträge standen mit einer Dauer von 30 Minuten im Programm. Da später begonnen wurde, „hingen“ wir zeitlich schon beim ersten Vortrag hinterher.
Die Frage von Dr. Zinke vom BIBB war, ob die Berufsausbildung auf „Industrie 4.0“ vorbereitet sei. Dass sich Berufe schon vor der Digitalisierung änderten und ändern mussten, wurde am Beispiel der CNC-Technik erläutert. Viele Unternehmen beschäftigen sich nicht ausreichend mit der Frage, ob sie noch „passend“ ausbilden bzw. welche Kompetenzen die Mitarbeiter brauchen und wie diese Kompetenzen geprüft und bewertet werden. Gefragt seien Ausbildungsmodelle, die flexibel auf Anforderungen eingehen können – manchmal sind die Ausbildungsordnungen da aber zu starr und müssten geändert werden. Besonders spannend fand ich die Frage, ob die Prüfungen dem entsprechen, was in Betrieben gefordert ist und vor allem, ob wir in der Ausbildung auf die Prüfung vorbereiten oder aufs Berufsleben. Ein wichtiger Punkt war außerdem die Weiterqualifzierung der betrieblichen Ausbilder, sowohl fachlich als auch didaktisch, damit der Kontakt zur betrieblichen Praxis nicht verloren geht.

Im zweiten Vortrag brachte Prof. Dr. Schocke Leben in die Bude, indem er gleich zu Beginn sagte, er habe sicher zu viele Folien und würde dafür dann schneller reden. Das tat er dann auch und blickte hinter die „pseudopositiven Meldungen“ zu Industrie 4.0. Es sei nicht so, dass wir uns ganz plötzlich verändern müssten und alles sofort anders würde, und auch die von manchen Medien mit der Digitalisierung verbundenen hohen Umsatzsteigerungen sehe er nicht. Steigerungen der Produktivität kommen nicht durch noch mehr Automatisierung, sondern durch intelligentere Zusammenarbeit von Systemen. Dazu braucht es weiterhin Menschen. Um den Bogen zur Ausbildung zu schlagen, erzählte er Anekdoten von seinen Studenten und betonte, wie wichtig es sei, dass wir die Studenten (und Azubis) begeistern. Praxisorientierte Aufgaben stehen im Mittelpunkt, und trotz Digitalisierung kommt auch das Anfassen nicht zu kurz, z.B. im Logistiklabor am Frankfurter HOLM.

In der dann folgenden Kaffeepause wäre sicher Gelegenheit zum Netzwerken gewesen, allerdings war die Zahl derjenigen, die sich mit Menschen unterhalten wollten, die sie noch nicht kannten, sehr überschaubar. An dieser Stelle aber noch einmal ein Dankeschön an die Kollegin, die mir von aktuellen Herausforderungen in ihrer Beratungsstelle erzählte.

Nach der Pause ging es weiter mit einem Vortrag zu einem neu zu schaffenden Ausbildungsberuf, den E-Commerce-Kaufleuten. Herr Groß-Albenhausen vom bevh berichtete unaufgeregt und fundiert von den Überlegungen des Verbandes, diesen neuen Beruf zu etablieren. Sein Fazit: 25 Jahre nach Eröffnung des ersten Onlineshops in Deutschland gäbe es dann auch mal den dazu passenden Beruf. Der ihm folgende Sprecher, Dr. Stoll, ließ es sich nicht nehmen, ihm direkt mal zu widersprechen, in seinem Vortrag zur Digitalisierung im Einzelhandel, und meinte, der neue Ausbildungsberuf sei eigentlich gar nicht nötig. Hätte er etwas weniger Werbung für sich als Person gemacht, wäre mehr Zeit für sein eigentliches Thema gewesen, aber da sich bis zu diesem Zeitpunkt niemand mehr an irgendwelche Zeitpläne hielt, fiel das auch nicht mehr groß ins Gewicht. Interessant fand ich, dass er sagte, „Deals“ wie z.B. von Groupon angeboten, würde im Handel nicht funktionieren, eher bei Dienstleistungen.

Herr Bole von der VDW Nachwuchsstiftung sprach über Digitalisierung in der Produktion und beschrieb eine Exzellenzinitiative in der Werkzeugmaschinenbranche. Wichtig ist aus seiner Sicht die Einbeziehung der Lehrer, sowohl an allgemein- als auch an berufsbildenden Schulen.

Dann folgte, mit großer Verspätung, die Mittagspause. Es gab belegte Brötchen und dann ging es nach 20 Minuten auch schon weiter mit dem Thema „Brennpunkt Berufsschule“. Herr Urhahne aus Brakel hielt einen sehr gut vorbereiteten Vortrag über berufliche Kompetenzen und darüber, wie seine Berufsschule versucht, sich immer wieder zu wandeln und das Systemwissen als Anforderung von Industrie 4.0 in den Unterricht hineinzubringen. Seiner Ansicht nach funktioniert die Digitalisierung in der Berufsschule nur in Zusammenarbeit mit den ausbildenden Betrieben, und so macht seine Schule regelmäßig Projekte, bei denen die Ausbilder aus den Betrieben mit in die Schule kommen. Eine zeitliche und fachliche Punktlandung, hat mir sehr gut gefallen.

Sehr engagiert sprach dann Herr Härtel vom BIBB über „Train the trainer“ und Medienkompetenz von Ausbildern. Leider nicht nur engagiert, sondern auch doppelt so lang wie geplant, nämlich fast eine Stunde. Dass die Tätigkeit eines Ausbilders aufgrund der vielen Einzelanforderungen (Hardwareexperte, Softwareexperte, Mediengestalter, Social Media Experte etc.) heute nicht mehr „banal“ sei und dass die Jugendlichen auch heute noch montags müde seien und sie freitags nur noch aufs Wochenende freuten, zog sich trotz der sichtbaren Begeisterung des Redners doch sehr in die Länge. Schade, da wurde einiges verschenkt.

Herr Wiest, der danach über E-Learning sprechen sollte, hatte die undankbare Aufgabe, in der Zeit der Kaffeepause reden zu müssen. Die Pause wurde zwar nach hinten geschoben, aber man merkte dem Publikum doch an, dass eine gewisse Unruhe herrschte. Trotzdem war Herr Wiest absolut souverän und blieb in der Zeit. Im Grunde mache jeder schon regelmäßg E-Learning, nur sei es mal mehr, mal weniger sinnvoll und nachhaltig. Bei manchen Themen reiche das bloße Lernen auch nicht, es müsse auch trainiert werden. Als Beispiel nannte er das Thema Zeitmanagement. Er empfahl, als Unternehmen zum Start von E-Learning-Aktivitäten zunächst mit einem kleinen Projekt zu beginnen und das auch abzuschließen, anstatt eine großes Konzept zu schreiben, das dann nie umgesetzt wird.

Nach der Kaffeepause berichtete Herr Postel von der Handwerkskammer Münster über „BIM im Handwerk“, gefolgt von einer Podiumsdiskussion, bei der alle Redner noch einmal auf die Bühne kamen. Ich gebe zu, dass ich zu diesem Zeitpunkt bereits weitgehend abgeschaltet hatte und meine Notizen es nicht weiter wert sind, hier geteilt zu werden.

Mein Fazit der Veranstaltung: es gab einige wenige gute Impulse, sehr viel heiße Luft, sehr viele völlig überladene Folien (und auch zu viele. Wenn ich 30 Minuten Zeit habe, sind 30 oder mehr Folien schlicht unpassend. Isso.) und kein sichtbares Zeitmanagement seitens Veranstalter oder Moderator. Dass manche im Publikum den Moderator schlicht ignorierten und untereinander weiter redeten, während der nächste Redner angekündigt wurde, habe ich so auch noch nicht erlebt und empfand ich als störend.
Ich hatte mir nach der Ankündigung der Veranstaltung einiges versprochen, aber leider wurden meine Erwartungen ziemlich enttäuscht. Dass ich bis zum Ende geblieben bin, ist meinem großen Optimismus geschuldet, und es gab ja auch ein paar Redner, die mich überzeugt haben.

Trotzdem werde ich mir gut überlegen, ob ich wieder eine Veranstaltung dieser Art besuchen werde.

Eine kleine Anmerkung noch zum Thema Präsenz von Frauen. Am Samstag besuchte ich eine Fortbildung im Rahmen des BKrFQG (Gesetz über die Grundqualifikation und Weiterbildung der Fahrer bestimmter Kraftfahrzeuge für den Güterkraft- oder Personenverkehr, ich liebe dieses Ungetüm) und da war mir eigentlich vorher klar, dass der Frauenanteil gering sein würde. Die Kursleiterin war über meine Anwesenheit erfreut und sagte, es sei das erste Mal überhaupt, dass sie nicht die einzige Frau im Kurs sei. Lasterfahrende Frauen sind auch im Jahr 2016 noch selten. Ausbildende Frauen jedoch nicht – es wäre schön, wenn sich diese Tatsache auch bei Veranstaltungen zum Thema Ausbildung künftig zeigen würde.

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