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Freitagsgedanke: Mensch sein und bleiben

Diesen Text tippe ich, wie so viele meiner Beiträge hier, an einem meiner flexiblen Arbeitsplätze. „Remote work“, „flexible desk“, welchen Begriff man auch immer wählen möchte, ist für mich Alltag. Ich brauche für meine Arbeit nicht zwingend einen festen Schreibtisch, und wenn man mit Kolleginnen und Kollegen zu tun hat, die ihrerseits im Rahmen ihres Jobs viel unterwegs sind, dann ist ein tägliches „Ins-Büro-gehen“ weniger wichtig als die Erreichbarkeit per Telefon oder Messenger.

Dennoch leben und arbeiten wir seit einigen Wochen anders. Der zwischenmenschliche Kontakt, von Angesicht zu Angesicht, soll die Ausnahme sein und nicht die Regel. Zusammenkünfte, die selbstverständlich waren, sind es nicht mehr. Keine Schule, keine Vereinstreffen, kein Sporttraining, keine Chorproben, kein Anstehen an der Kinokasse… Das wirbelt einiges durcheinander. Veranstaltungen, an denen ich in den nächsten Wochen und Monaten teilnehmen wollte, sind abgesagt oder verschoben. Wie viele von den Konzerten, für die ich fest als Musikerin gebucht bin, tatsächlich stattfinden können, steht auch noch in den Sternen.

Viele neue Online-Angebote gibt es derzeit, und manchmal habe ich den Eindruck, dass ich den ganzen Tag in virtuellen Terminen, Videokonferenzen und Chatrooms verbringen könnte, würde ich all die Einladungen annehmen, die ausgesprochen werden.

Ich finde es gut, dass Menschen versuchen, kreativ mit der Situation umzugehen. Gleichzeitig bin ich über Versuche, „online“ als die „neue Normalität“ zu etablieren, nicht glücklich. Und mitunter denke ich, dass gerade in meinen IT-affinen Bubbles eines unter den Tisch fällt, nämlich die vielen kleinen und größeren Aktivitäten und Tätigkeiten, die davon leben, dass Menschen sich von Angesicht zu Angesicht begegnen – ganz zu schweigen von vielen Geschäftszweigen, die nicht „mal eben“ online gehen können (wenn jemand beispielsweise davon lebt, seine handwerklichen Erzeugnisse auf Mittelaltermärkten feilzubieten, dann kann dieser jemand zwar einen Onlineshop einrichten, aber das, was über zufällige Begegnungen und Gespräche entsteht, gibt es da halt nicht).
Digitale Begegnungen sind gut und wichtig, doch sie haben eine andere Qualität. Nicht unbedingt schlechter, aber eben auch nicht besser. Und sie sind (für mich) kein Ersatz für Gemeinsamkeit in einem Raum.

In meinen Workshops ist mir Methodenvielfalt wichtig. Dazu gehören Stift und Papier ebenso wie Tablets oder Smartphones, Bewegung ebenso wie Sitzen am Tisch, das Arbeiten alleine oder zu zweit ebenso wie das Arbeiten in einer Gruppe, um nur einiges zu nennen. Ob und wie ich das auf ein Online-Angebot übertragen kann und will, weiß ich derzeit tatsächlich nicht.

Ich habe für manche aktuelle Herausforderungen eine Lösung. Für andere habe ich keine.

Ich finde es wichtig, ehrlich zu sich selbst zu sein und eben auch zu sagen, dass man keine Lösung hat. Zu sagen, dass es in der Schublade keinen Plan C oder D gibt, jetzt, wo A und B nicht funktionieren. Zu sagen, dass es gut und normal ist, weil es zum Menschsein gehört, gefrustet zu sein, traurig zu sein, sein Gegenüber zu vermissen. Zu sagen, dass man nicht an allen Onlinekonferenzen teilnehmen möchte und dass man selbst auch keine Lust hat, den x-ten Chat für [hier Berufsgruppe der Wahl einsetzen] einzurichten.

Aktivität kann helfen. Wenn Aktivität aber dazu dient, negative Gefühle nicht zuzulassen oder zu übertünchen, dann brauche ich das nicht. Die dunklen Seiten sind da, ob wir hinschauen oder nicht, ob wir sie ausblenden oder nicht.

Ich bin neugierig und nachdenklich zugleich. Neugierig auf das, was sich aus der besonderen Situation entwickeln wird und was sich auch bei mir und für mich entwickelt. Nachdenklich, denn vieles von dem, was ich mir vorgestellt habe, kann ich im Augenblick nicht realisieren und das macht etwas mit mir.

Licht und Schatten gehören zusammen und ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, dass Sie gut durch den Tag, durch die Woche, durch die Zeit kommen und wenn Sie mögen, lesen wir uns bei Gelegenheit hier wieder.

 

 

 

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