Absagegründe

Aus Bewerbersicht gibt es beim Recruiting neben dem Anschreiben kaum ein Thema, über das sich so heiß und intensiv diskutieren lässt: die Absage, und die Nennung oder Nichtnennung von Absagegründen.

Ich möchte jetzt gar nicht auf die rechtlichen Rahmenbedingungen eingehen, oder die Notwendigkeit einer Absage an sich in Frage stellen, sondern ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern.

Oft höre ich, eine individuelle Absage würde helfen, etwas beim nächsten Mal besser oder anders zu machen. Es ist ein verständlicher Wunsch, sich weiterzuentwickeln. Ob eine individuelle Absage von Unternehmen A jedoch dafür taugt, dass es bei Unternehmen B tatsächlich klappt, ist fraglich.

Dazu ein Beispiel aus meiner eigenen Bewerbungserfahrung (Ja, auch Personaler wechseln ab und zu den Job und müssen sich bewerben, wenn sie nicht von einem Headhunter „gejagt“ worden sind.)
Ich hatte mich für zwei Positionen beworben, die vom Verantwortungsbereich her sehr ähnlich waren. Leider passt es einfach nicht, das kommt vor und gehört dazu.

Absage A lautete: „Sie haben leider nicht genug Führungserfahrung.“
Und Absage B war: „Sie haben sehr viel Führungserfahrung, wir wünschen uns einen Kandidaten, der da noch nicht so weit ist.“

Zwischen diesen Gesprächen lagen keine drei Monate. Für meine persönliche Weiterentwicklung oder eine Veränderung meiner Bewerbungsstrategie half mir ein Gespräch mit einer sehr erfahrenen Kollegin wesentlich mehr.

Ein anderes Beispiel.
Sie haben Englischkenntnisse auf dem Niveau B1 und bewerben sich bei Unternehmen A. Sie bekommen eine Absage, in der es heißt, man hätte lieber jemanden mit Englischkenntnissen auf Niveau B2 gehabt. Sie machen daraufhin einen Kurs und bewerben sich dann mit Ihren B2-Englischkenntnissen bei Unternehmen B. Dort hören Sie, dass man zwar in der Ausschreibung nach Englischkenntnissen gefragt hatte, dass das aber im Alltag gar nicht so wichtig sei, und B1 locker ausreichen würde. Man hätte jedoch gerne einen Bewerber, der noch die Fachfortbildung X mitbringt (die Sie leider nicht haben). Machen Sie jetzt Fachfortbildung X?

Darauf gibt es keine richtige oder falsche Antwort. Wir wissen, wenn wir uns bewerben, schlichtweg vorher nicht, was die ausschlaggebenden Punkte sind. Das mag im Einzelfall frustrierend sein, und vielleicht denken wir Recruiting irgendwann einmal weiter und machen die Ausschreibungen so aussagekräftig, dass man gar nicht mehr daneben liegen kann – wobei uns dann vielleicht der ein oder andere talentierte Quereinsteiger durch die Lappen geht. Recruiting ist ein Thema mit vielen Variablen. Das macht es auch so spannend.

Eine Absage bleibt ein Nein, selbst wenn sie in schöne Worte gepackt wird. Und wenn Sie sich auf menschlicher Ebene mit dem Entscheider nicht „grün“ waren, hilft es Ihnen wenig, wenn Sie an Ihrer Qualifikation arbeiten.

Ich erzähle jetzt ein paar kurze Begebenheiten aus tatsächlichen Vorstellungsgesprächen. Bilden Sie sich selbst eine Meinung, wie Sie die Absage formuliert hätten, falls Sie nicht sagen, hey, dieser Mensch ist ja so interessant, den hätte ich eingestellt.

Bewerber 1 möchte nur in Unternehmen arbeiten, in dem es Kaffeemaschinen mit mindestens 7 Funktionen gibt und nutzt das Vorstellungsgespräch, den Anwesenden die Vorzüge und Nachteile verschiedener Hersteller nahezubringen.

Bewerber 2 riecht stark nach Alkohol.

Bewerberin 3 bringt ihre Mutter zum Gespräch mit.

Bewerber 4 sagt auf den Hinweis, wie er seine Unterlagen leserfreundlicher aufbereiten könnte, Personaler seien ihm völlig wurscht, er sei Techniker, und wer ihn nicht verstünde, sei selbst schuld.

Bewerberin 5 fragt nach einem Stift, um sich damit erst am Kopf und dann im Ohr zu kratzen.

Bewerber 6 fragt nach der privaten Handynummer der Personalerin, da er sie im Falle einer Zusage zum Essen einladen möchte.

Bewerberin 7 fragt die Personalerin, wo und was sie studiert habe, rümpft dann die Nase und sagt, sie wolle doch lieber mit Absolventen von Eliteuniversitäten zusammenarbeiten.

Bewerber 8 erzählt auf die Frage nach einer herausragenden persönlichen Eigenschaft, Frauen würden ihm vertrauen, denn er bekäme per E-Mail Bilder von Frauen in Unterwäsche.

Und dass es auch jede Menge Geschichten über seltsame Unternehmen und merkwürdige Personaler gibt, worüber manche ganze Bücher schreiben, zeigt immerhin, dass es kaum Langeweile gibt, wenn man sich mit dem Thema Personalgewinnung befasst.

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4 Kommentare

Eingeordnet unter Bewerbung, Meinung, recruiting

4 Antworten zu “Absagegründe

  1. Das ein Bewerber seine Mutter zum Vorstellungsgespräch mitbringt, hatte ich mehrfach bei Lehrlingsbewerbungen.
    Es war immer DER Grund, den Bewerber umgehend abzulehnen und ich habe das auch immer gesagt.
    Manchmal habe ich dann von Kollegen gehört, daß der abgelehnte Bewerber sich bei ihnen ohne Mutti vorgestellt hat.
    Meistens haben die Leute aber nichts aus der drastischen Absage gelernt.

  2. Andrea Höhmann

    Erfahrungen mit solchen Bewerbern sind für Personaler sicher unangenehm, solange sie andauern. Hinterher hat man im Kreise der Kollegen was zu erzählen. Wohl deshalb kursieren unglaublich viele ähnliche Geschichten im Netz, sie offenbaren, mit welchen Erwartungen die Personaler in ihre Gespräche gehen. Das schreckt die guten Stellensuchenden wahrscheinlich ab, und das finde ich schade.

    • Andrea Hartenfeller

      Sehr geehrte Frau Höhmann,
      danke für Ihren Kommentar.
      Mein Ziel mit diesen Beispielen ist es nicht, wilde Geschichten zur Erbauung meiner Kolleginnen und Kollegen in die Welt zu setzen, sondern um zu zeigen, dass es nicht immer so einfach ist, eine Absage zu begründen, wenn die Gründe in Verhaltensweisen wie den beschriebenen liegen. Unangenehm fand ich keine der Situationen. Das gehört zum Job.
      Ich glaube auch nicht, dass die Mehrheit der Personaler mit der Erwartung ins Gespräch geht, auf merkwürdige Personen zu treffen, und ich hatte ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, dass jemand diesen Beitrag so interpretiert, wie Sie es beschreiben. Es liegt mir jedenfalls fern, Bewerber zu erschrecken oder durch den Kakao zu ziehen.

  3. Andrea Höhmann

    Sehr geehrte Frau Hartenfeller,
    danke für Ihre Antwort. Ich vermute wie Sie, dass die Personaler, mit solchen Erwartungen ins Gespräch gehen, in der Minderheit sind, auch wenn die Mode, so genannte „Stress-Gespräche“ zu führen, die Voreinstellungen bei Personalern und bei Bewerbern sicher nicht besser gemacht haben.
    Ich denke, eine höfliche Ablehnung ohne lange Begründung zu verfassen, kann nie falsch sein. Es ist aber wohl nicht ausgeschlossen, dass es mal einen Bewerber gibt, dem ein Personaler gerne helfen möchte, selbst wenn er ihn ablehnen musste – vielleicht aus Sympathie, vielleicht aus Berufsethos. Dann ist es bestimmt kein Fehler, bei einer telefonischen Rückfrage die Gründe anzugeben.

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