Lebenslanges Lernen

In der Gegend, aus der meine Großmutter stammt, gibt es einen Spruch: „Und wennde alt wirst wie a Kuh, lerne mussde immerzu.“

Lebenslanges Lernen ist ein Konzept, das einem gerade in der Personalentwicklung und mitunter auch in der Personalauswahl oder vielmehr in der Karriereberatung oft begegnet. Auch wenn es keine eindeutige Definition gibt, was mit dem lebenslangen Lernen denn nun konkret gemeint ist, eine gewisse Richtung gibt es doch. Um die Arbeitsmarktfähigkeit, oder neudeutsch Employability zu erhalten, sollen wir über die abgeschlossene Ausbildung oder das Studium hinaus immer weiterlernen, uns bilden, Kompetenzen erwerben oder erhalten, und so weiter. In meinem Studium der Erwachsenenbildung haben wir über dieses Konzept oft heiß diskutiert, und es wurde irgendwann einmal in „Lernen lebenslänglich“ umbenannt, weil für viele Teilnehmer in beruflichen Weiterbildungen dieser Eindruck entstand, dass man zum Lernen quasi verdammt sei, dass man sich einfach nicht dagegen wehren könne, dass irgendjemand halt definiert habe, dass man weiterlernen solle, während man doch viel lieber etwas anderes tun würde.

Neulich hatte ich mit LKW-Fahrern eine Diskussion über die nach dem Berufskraftfahrerqualifikationsgesetz (Wahnsinnswort) vorgeschriebene insgesamt 5-tägige Fortbildung, die bis September 2014 nachgewiesen sein muss. Ich fahre LKW als Hobby und bräuchte diese Fortbildung eigentlich nicht, mache sie aber trotzdem, weil es mich interessiert, und weil ich gerne lerne. Außerdem sind diese Fortbildungen ganz schön spannend, wenn ich sie durch meine Trainerinnen-/Ausbilderinnenbrille betrachte. Wie gehen die Trainer mit dem teilweise doch recht drögen Stoff um? Wie motivieren sie Teilnehmer, die lieber ganz woanders wären, und die den Sinn der Fortbildung auch oft nicht recht einsehen? Welche Methoden nutzen sie, um die Themen zu vermitteln?

Bei vielen Fahrern, mit denen ich mich unterhalten habe, stand die „verlorene Zeit“ im Vordergrund und ein gewisses Unverständnis, warum man überhaupt 5 Tage benötige, den Stoff könne man doch auch in kürzerer Zeit „einpauken“. Es gab jedoch auch Ausnahmen. Das waren die Fahrer, deren Arbeitgeber im Vorfeld schon aktiv geworden war, um den Mitarbeitern die Seminare schmackhaft zu machen, und wo neben den Fahrern auch Disponenten ins Seminar kamen und gemeinsam lernten. Dort hatte die Fortbildung und auch die Idee des Lernens einen ganz anderen Stellenwert. Und die Fahrer waren mit ihrem Arbeitgeber sehr zufrieden, machten sogar Werbung, dass sie ja Leute suchen würden, und ich bin sicher, diese Spedition ist auf dem besten Wege, sich als attraktiver Arbeitgeber einen Namen zu machen.

Ob diese Zwangsbeglückung zur Weiterbildung tatsächlich den gewünschten Erfolg haben wird, nämlich das Berufsbild und das Arbeitsfeld insgesamt zu verbessern und auch für mehr Qualität „auf dem Bock“ zu sorgen, bleibt abzuwarten.

Es gibt viele Berufe, in denen regelmäßige Weiterbildung Usus ist, und andere, wo es den Leuten selbst überlassen ist, oder wo motivierte Personalentwickler und Führungskräfte das Thema entsprechend vorantreiben.

Lernen kann eine Menge Spaß machen, aber wer kann nicht Geschichten aus seiner Schulzeit erzählen, die von schlechtem Unterricht, Langeweile oder auch Angst handeln. Manche hatten tolle und verständnisvolle Ausbilder, andere haben weniger gute Erinnerungen an ihre Lehrlingszeit. Es gibt Professoren, die mitreißend und engagiert agieren, und natürlich auch das Gegenteil davon. Diese persönlichen Lernerfahrungspäckchen hat jeder, und wer Fortbildungen plant und Menschen dafür begeistern möchte, tut gut daran, das nicht zu vergessen.

Wie viel Spaß man beim Lernen haben kann, sieht man bei Sandra Dirks (http://www.apprenti.de/). Ich „kenne“ sie zwar bislang nur über Twitter, doch erlebe ich sie dort und in ihrem Blog als Trainerin, die mit großem Schwung und Freude bei der Sache ist. Seit gestern bin ich stolze Besitzerin ihres „Humorkochbuchs“ („Das Humorkochbuch für Trainer“) und bin von ihrer Art zu schreiben sehr angetan.

Wie viel Spaß man beim Lernen und beim Abarbeiten von (langweiligen?) Routineaufgaben haben kann, habe ich vor einigen Tagen an zwei Schülerpraktikanten gesehen.
Ablage? Ordner ins Archiv bringen? Shredder füttern? Post sortieren und austeilen? Büromaterial zählen und bestellen? Die beiden waren flott und gut gelaunt bei der Sache. Natürlich haben sie auch noch einiges andere gemacht und hoffentlich auch etwas gelernt.
Aber nicht nur sie, ich ebenfalls. Zum Beispiel habe ich gelernt, dass meine Zeitschätzungen für das Erledigen von Aufgaben teilweise völlig daneben lagen, sowohl in die eine als auch in die andere Richtung. Ich habe gelernt, dass ich wieder mehr darauf achten muss, bei Aufgabenstellungen konkret zu sagen, was ich will und was ich meine, und nicht auf die Gedankenlesefähigkeit meines Gegenübers zu vertrauen, oder Wissen vorauszusetzen, das derjenige nicht haben kann. Meine beiden Praktikanten haben mir das sehr charmant klar gemacht, und so war die gemeinsame Zeit auch für mich sehr lehrreich.

Dass Kühe gar nicht so alt werden wie Menschen habe ich als altkluges Kind natürlich versucht, meiner Großmutter nahezubringen. Sie lächelte aber nur und sagte, ich würde irgendwann schon verstehen, wie der Spruch gemeint sei.
Ob ich es wirklich schon verstanden habe, weiß ich nicht, dass ich gerne lerne und dass ich Weiterbildung wichtig finde, das weiß ich. Und so freue ich mich jeden Tag auf Gelegenheiten, etwas zu lernen, und habe gegen dieses „lebenslänglich“ gar nichts einzuwenden.

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Eingeordnet unter Meinung, Weiterbildung

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