Geheimcodes und Nebelkerzen

Wer weiß, ohne lange nachzudenken, was ein „Credit Control Specialist“ ist oder tut? Wer es nicht weiß, befindet sich in guter Gesellschaft.
Wieder einmal hat Henner Knabenreich pointiert, treffsicher und lesenswert ein Prachtstück unter den Karriereseiten gefunden, das den Nutzer, in diesem Falle den Bewerber, mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit verwundert, verwirrt oder gar frustriert zurücklässt.
http://personalmarketing2null.de/2013/01/17/neulich-bei-nintendo-personalmarketing-zum-abgewoehnen/

Ich möchte jetzt gar nicht auf die große Phantasie eingehen, mit der die Gamesbranche Jobtitel erfindet, oder darauf, dass diese Branche in vielerlei Hinsicht eine Ansammlung von Paradiesvögeln ist, sowohl auf Unternehmens- als auch auf Mitarbeiterseite, deren Verhalten und Vorlieben sich dem Branchenunwissenden selten auf den ersten Blick erschließen. Ob und inwieweit diese Phantasie hilfreich ist, um offene Stellen zu besetzen, ist ein spannendes Thema, welches ich vielleicht ein anderes Mal aufgreifen werde.

Mir geht es heute eher darum, dass es in allen Bereichen Jobtitel gibt, die nur dann direkt Sinn ergeben, wenn man entweder aus der Branche kommt oder den Unternehmensjargon kennt. Ich denke da an den „Diagnose-Autor für Lagertechnik mit Schwerpunkt Schubmaststapler“, den „Detailplaner EMSR“, den „Obermonteur BSV“, den „Sachbearbeiter Bereich Outgoing“, den „Regulatory Affairs Specialist“ oder den „Manager Submission Management“, um nur einige Jobs zu nennen, die heute in einer großen Onlinestellenbörse ausgeschrieben sind (natürlich immer mit der Option m/w).

Teilweise gibt es Kürzel und Begriffe, die nur innerhalb einer Abteilung oder eines Teams verstanden werden. Da kommt man schnell in die Gruppe der Unwissenden, wenn man diese nicht kennt. Und man fühlt sich ein bisschen wie in einem fremden Land, in dem man nur zu Besuch ist und die Sprache nicht kann.

Ich gebe zu, mir passiert das auch manchmal, dass ich z.B. nicht darauf achte, ob jemand die Bedeutung von Abkürzungen wie HBZ, RBZ, VTG oder VKSV kennt, wenn ich in Internetforen über LKW-Technik, einem Hobby von mir, schreibe. Wenn ich rede, spreche ich die Worte meist aus, aber auch dann ist es oft nötig, zu erklären, was ein Hauptbremszylinder (HBZ), ein Radbremszylinder (RBZ), ein Verteilergetriebe (VTG) oder ein Vierkreisschutzventil (VKSV) ist – nur kann ich, wenn ich direkt mit jemandem rede, eben sehen, ob derjenige ein großes Fragezeichen im Gesicht hat, und meine Kommunikation entsprechend anpassen. Genauso, wie ich mit jemandem, der aus einem anderen Land kommt, eher hochdeutsch spreche als Dialekt.

Warum es jedoch gerade beim (Er-)Finden von Jobtiteln so schwer zu sein scheint, einfach Klartext zu reden und dem Job eine Bezeichnung zu geben, unter der man sich etwas vorstellen kann, ich weiß es nicht. Vielleicht möchte man das eine oder andere Mal nur die wenigen Menschen ansprechen, die sich etwas darunter vorstellen können. Wenn dieses Vorgehen durchdacht ist, kann es durchaus zielführend sein. Wenn man aber aus reiner Gewohnheit die internen Bezeichnungen verwendet, dann kann das Warten auf passende Bewerber doch lang werden. Denn diejenigen, bei denen ein Fragezeichen bleibt, schauen sich möglicherweise doch woanders um, selbst wenn der Job zu ihnen passen würde.

Es lohnt sich jedenfalls, über die Wirkung von Jobtiteln nachzudenken und vielleicht auch einmal selbst eine Suchmaschine anzuwerfen, um zu sehen, wie oft ein bestimmter Jobtitel überhaupt gefunden wird, also, ob der Titel rein unternehmensspezifisch ist oder vielleicht doch weiter verbreitet. Selbst wenn man aus internen Gründen den Jobtitel nicht ändern kann, hat man so zumindest eine Gesprächsgrundlage für die Fachabteilung, wenn die Bewerbungen nicht schnell genug reinkommen.
Und das ist doch auch was.

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Eingeordnet unter Meinung, recruiting

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